"Soziale Kompetenz"
"Stellen Sie sich jetzt einfach mal vor...," sagte Frau Dr. Nuschel-Neidhardt, an Achim gerichtet, der in der Mitte des Raumes auf seinem Stuhl saß und sich wahrscheinlich gerade ausmalte, wie er der, bei uns allen nicht sonderlich beliebten Therapeutin, mit einem großen Knüppel den Kurzhaarfrisurigen Kopf einschlug und mit einem Rasiermesser lustige Mandalas in ihre riesigen, bis auf die Oberschenkel herab hängenden, Brüste ritzte.
Das Einzige was ihn wirklich darin hinderte dies auch zu tun, davon war ich fest überzeugt, war die Tatsache, daß er an dem Stuhl festgebunden war.
"Stellen Sie sich jetzt einfach mal vor, sie betreten einen Buchladen und wollen sich einfach nur mal umschauen. Haben nichts Konkretes im Sinn, sondern wollen einfach nur mal so in den, sich ihnen feil bietenden, literarischen Leckereien ein Stöberchen machen..., hihi." Frau Dr. Nuschel-Neidhardt hatte die Angewohnheit sich wie ein kleines Mädchen, das gerade einen Lutscher geschenkt bekommen hatte, zu freuen wenn sie der Meinung war ein besonders gelungenes, verbales Kunststückchen vollbracht zu haben. Dabei reckte sie siegesgewiss die Fäuste in die Luft und ihre Brüste hoben sich einige Zentimeter in die Luft, um dann mit einem klatschenden Geräusch wieder auf ihren Schenkeln zu landen und einige Sekunden Götterspeisengleich hin und her zu wackeln. In Kollegenkreisen wurde sie deshalb, hinter vorgehaltender Hand, auch gern mal "Libidoblocker" genannt.
"Und kaum sind sie drin da kommt auch schon ein Verkäufer auf sie zu und fragt sie, ob er Ihnen helfen könne. Wie reagieren sie, Herr...?" Sie schaute über den Rand ihrer Lesebrille. "Herr LP 67." Patienten der Anstalt wurden nicht mit ihrem Namen angesprochen, sondern mit einer Nummer, die ihnen der Einfachheit halber und aus Gründen zur Vermeidung egozentrischer Wesenzüge bei der Einlieferu..., nein es hieß ja Ankunft, , mit einem glühenden Eisenstempel auf die Stirn gebrannt wurden. LP stand hierbei für "Langzeitpatient", was nichts anderes hieß als das man seinen nächsten Geburtstag ganz sicher noch hier verbringen würde. Selbst wenn der erst gestern war.
"Meinen se jetzt so´n Bauchladen wie von die Bierverkäufers in Stadion?", fragte Achim und drehte den Kopf in unsere Richtung um uns zuzuflüstern: "Ey die hat doch´n Riss im Plätzchen, die Nuschel!"
Das eben noch freudig grinsende Gesicht der Therapeutin war von einer Sekunde auf die Andere zu einer versteinerten Miene geworden. Einzig ihre Augen bewegten sich noch, wobei man den Eindruck hatte sie quollen so nach außen, das man Angst bekam sie würden einem jeden Moment entgegen springen und mit einem Kopftreffer niederstrecken.
" Der freundliche Verkäufer, in dem Buchladen fragt sie ob er ihnen helfen kann, wie reagieren sie!?", schrie Frau Dr. Nuschel-Neidhardt und dabei betonte sie jedes Wort nicht nur deutlich abgehackt, sondern auch mit einem Rohrstock, den sie Achim abwechselnd auf beide Wangen drosch. Ein weiterer Punkt der ihren Spitznamen, "Libidoblocker", für mich zutreffend erscheinen ließ.
"Wie reagie...!?" Die Therapeutin holte ein weiteres Mal mit dem Rohrstock aus.
"Ick..., ick...", unterbrach Achim sie, der in Gedanken inzwischen das Rasiermesser mit einer Kreissäge getauscht hatte. "Ick sage dem er soll sich verpiss..., nee, nee..., Moment..., ick sage dem jenauso freundlich, aber bestimmt, dass ick mir nur umgucken tu und das ick ihn rufe wenn ick ihn brauche."
"Sehr gut!", sagte Frau Dr. Nuschel-Neidhardt zufrieden und betätigte den Rückspulknopf der Videokamera, die Bestandteil einer jeden Kompetenztrainingsgruppe war. "Schauen wir uns das Ganze noch mal an und geben der Gruppe die Möglichkeit ihnen Rückmeldungen zu geben."
Tja, liebe Freunde, soviel zu Folge I unserer kleinen Serie über Menschen in Behandlung.
Wir lernen daraus, das man mit ein klein wenig Höflichkeit durchaus einen großen Teil zu einem harmonischen Zusammenleben in der Gesellschaft beitragen kann. Vielleicht erinnert Ihr euch also, bei Eurem nächsten Besuch in einer Buchhandlung, an Frau Dr. Nuschel-Neidhardt und erlebt so eure ganz eigene Soziale Kompetenz.
Fortsetzung folgt...
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